Westfalenblatt:        vom 06.12.2001
 

Studiochor sang den "Messias"

Vom Feinsten im Überfluss

Von Uta Jostwerner

Bielefeld (WB). Es kommt einem unvergleichlichen schöpferischen Wurf gleich, den Händel mit seinem "Messias" landete. Was der Komponist bei der Arbeit des 1741 in nur dreieinhalb Wochen entstandenen Oratoriums bewegte, ist überliefert: "Ich glaubte, ich sähe alle Himmel offen vor mir und Gott selbst." Zweifellos schwingt die Euphorie, die Georg Friedrich Händel empfunden haben muss, mit in dem zweieinhalbstündigen Chorwerk, das der Studiochor unter Leitung von Martin Fugmann jetzt in der Pauluskirche in bemerkenswert ton- und seelenmalerischem Überfluss zum Besten gab.
Somit liegt die Vermutung nahe, dass in den Wochen zuvor wohl mehr als eine nur rein gesangstechnische Fleißarbeit stattgefunden haben muss. Verfügt der kleine Chor neben einer herrlich frischen Klangfülle, .Artikulationslust und -sicherheit doch auch über enorm differenzierte Gestaltungsmöglichkeiten im Sinne der von Fugmann charismatisch, gefühlvoll und kontrastreich herausgearbeiteten barocken Musiksprache. Zweiter Pluspunkt: In der rückhaltlos geschliffen ausmusizierten, Werkwiedergabe wurde einmal mehr deutlich, dass die von Händel auf den englischen. Bibeltext maßgeschneiderte Vertonung einfach die bessere Wahl darstellt, nicht nur, weil sie in der Wortlautung um einiges weicher erscheint.
Wenn sich die, Sänger und Sängerinnen den zügig-schwungvollen angegangenen Tempi durchweg gewachsen zeigten, dann darf dies als weiterer Mosaikstein einer brillanten Werkwiedergabe verbucht werden, an der das geschliffen, präzisionskantig und affektgeladen aufspielende "Le Nuove Musiche" Ensemble reichen Anteil hatte.
Ausgestattet mit derart variablen Möglichkeiten bestachen funkelnde Hochflächen (And He shall purify) neben dynamischen und spriihend-heiteren artikulationstechnischen Raffinessen (O thou that tellest), da durfte man sich an Schwung und melismati.scher Leichtigkeit erfreuen (For unto us .a Child is born) oder am sensibel geführten Spannungsaufbau des Hallelujah-Jubels berauschen, und das alles bei durchscheinender, polyphoner Stimmführung in Chor und Orchester.
Was will man mehr? Nun, Martin Fugmann hatte neben seiner eindringlich geführten Klangregie auch bei der Auswahl der Gesangssolisten ein sicheres Händchen oder sollte man doch besser von einem Kunstgriff reden, denkt man nur an Christoph Nagler (Bass) und Christa Bonhoff (Alt). Nagler betörte durch Noblesse in Klangbild und -ausformung in Verbindung mit einer hochmusikalischen gestalterischen Kraft, unter anderem in der Zornes- und PosaunenArie. Daneben brillierte Christa Bonhoff mit samtigem Timbre sowie schier unendlicher Modulations- und Ausdrucksfähigkeit.
Nahegehend auch Astrid Niggemann (Sopran) mit der Fähigkeit zum zartinnigen Trösten-Können in der Arie "I know that my Redeemer liveth" trotz leicht durchscheinender Indisponiertheit-sowie Tenor Hugo Mallet mit schmuckvoller Tongebung.
"O Tod, wo ist dein Stachel?" Ohne Not einfach drei Gesangsnummern zu übergehen, darunter das so reizvolle 'Where ist the sting?-Duett, das will zwar nicht einleuchten, schmälerte aber weder den glanzvollen Gesamteindruck noch den großen Beifall.